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BROKEN LINES - curated by Nadia Ismail
16 Apr - 29 May 2010
BROKEN LINES - curated by Nadia Ismail

BROKEN LINES (scroll down for english version)
Die Ausstellung vereint künstlerische Positionen, die Schwellensituationen auf unterschiedliche Weise thematisieren.

Die Polaroids des Amerikaners Mike Brodie aka The Polaroid Kidd (geb. 1985), der im Alter von 18 Jahren drei Jahre durch ganz Amerika reiste und in dieser Zeit Obdachlose, Punks und Menschen mit alternativen Lebenskonzepten fotografierte, scheinen den Exzess und die Exzentrik des Augenblicks zu zelebrieren, der ein Leben fern normativer Regeln und eine grenzenlose Freiheit verspricht. Doch die düster-melancholische Stimmung der Aufnahmen, die meist ernsten Gesichter der Protagonisten wollen nicht recht zu den Verlockungen der völligen Selbstbestimmung passen, vielmehr gemahnen sie wie ein memento mori an die Zerbrechlichkeit eines gelebten Traums. Brodies perfekt gewähltes Medium des Polaroid kann als formales Äquivalent der psychischen und physischen Erfahrung dieses modernen Nomadentums gewertet werden: Vom Augenblick des Auslösens kristallisiert sich auf dem leeren Fotopapier Stück für Stück die Realität des Augenblicks heraus, der, sobald gebannt, bereits der Vergangenheit angehört. Ähnlich einer Utopie, die durch ihre Fiktion existiert und in dem Moment, in dem sie gelebt wird, stirbt.

Selbst Teil einer Gesellschaft mit nonkonformem Lebenskonzept, taumelt Nan Goldin (geb. 1953) gleich den Autoren der Beat Generation durch ihre Welt, die zwischen Sex, Drugs and Rock n' Roll verortet ist und die durch die menschliche Sehnsucht nach Autonomie über das eigene Leben und den latenten Wunsch, die Beschränkung des Normalen zu überwinden, die Schwelle herüber in eine andere Gesellschaft temporär durchlässig erscheinen lässt. Gleichzeitig erzählt sie in ihren düster-realistischen Fotografien Balladen des Lebens mit allen Facetten des Daseins. Mit der Künstlerin blicken wir in eine verborgene Welt, die menschliche Makel ohne Tabu offen legt. Sie offeriert statt des distanzierten Blicks der dokumentierenden Fotografin Aufnahmen aus ihrem engsten Umfeld in unbeschwerten Momenten sowie in Augenblicken tiefer Verletzlichkeit, in denen stets die Fragilität eines menschlichen Lebens hindurch scheint. Die Amerikanerin hebt den Dualismus zwischen äußerlicher Freiheit und Gefängnis der eigenen Gedanken, ausgelebten Wünschen und heimlichen Obsessionen sowie Sucht und Hoffnung und schließlich Sein und Tod auf und vereint diese Klüfte in ihren Motiven.

Lucinda Devlin (geb. 1947) beschäftigt sich mit der Macht von Räumen, deren Nutzung, örtliche Position, geografische Lage sowie ihre Ausstattung untrennbar mit einer Botschaft verbunden sind und damit eine bestimmte Bedeutung konstruieren. Die glänzende Oberfläche der akkurat in Szene gesetzten Omega Suites visualisiert eindringlich die auratische Kraft bestimmter Örtlichkeiten. Allein das Objekt wie z.B. eine Bahre, auf der die ,Death Candidates' die Schwelle vom Leben zum Tod überqueren werden, versinnbildlicht im menschenleeren Raum den ungleichen Kampf der moralpolitischen Maschinerie Amerikas und des ihm ausgelieferten menschlichen Schicksals. Ihre statische Perspektive, die zentrierte Ausrichtung auf das funktionale Arrangement, überzieht die emotional besetzten Räume mit einer sterilen Aura. Mit dem Auge der Fotografin verwandeln sich Orte des Schreckens in kühl-schick anmutende Hochglanzprints aus der Bilderwelt trendgebender Magazine, die man ob ihrer distanzierten Ästhetik bestaunt und gleichgültig durchblättert. Die sophistische Verknüpfung der titelgebenden Begriffe Omega (letzter Buchstabe des griechischen Alphabets) und Suite spiegelt die Ambivalenz des Dargestellten wider und re-subjektiviert die Wahrnehmung des vermeintlich anonymisierten Tötens. Die moralische Spannung, welche aus den Fotografien erwächst, findet ihre literarische Entsprechung in Kafkas Erzählung ,,In der Strafkolonie", die über der Besessenheit eines Offiziers von der Perfektionierung einer Tötungsmaschine berichtet und die saubere, maschinelle Tötung des Menschen impliziert, der sich über den Menschen erhebt.

Den Ausgangspunkt der Werke des Amerikaners mit chinesischen Wurzeln Michael Zheng (geb. 1965) bildet der performative Akt, den der Künstler selbst als ,,center of all my work" bezeichnet und der synonym für eine ständige physische wie psychische Aktion steht. Dabei ist seine Arbeit meist konzeptueller Natur und findet ihre künstlerische Ausprägung häufig in ortspezifischen Installationen und Eingriffen. Skulpturale Werke und Videos erweitern das Repertoire und Zhengs Hauptinteresse, die Erkenntnis und Sensibilisierung für die Wahrnehmung von Realität, die durch Phänomenologie, kulturelle und politische Prägung beeinflusst wird. In dem Video Groundbreaking vereint er die Thematisierung dieser emotionalen Schwelle mit formalen Aspekten der Grenzüberschreitung.
Das Publikum erlebt in Groundbreaking, der Dokumentation einer kontrollierten Erdbestattung in vivo, die latente und dem Leben entgegenstehende Bedrohung durch den Tod sichtbar und fühlbar mit. Hinter der Vergegenwärtigung der Angst vor dem Tod schimmert jedoch die Unsicherheit über die Beherrschung des Lebens als fragiles Konstrukt äußerer und innerer, körperlicher und seelischer Grenzen hindurch.
Die Arbeit Utopia offenbart die formale Transformation vom performativen Akt des Buchabschleifens hin zur eigenständigen Skulptur. Von Thomas Morus' bekanntem Buch bleibt lediglich der Titel der Zukunftsvision erhalten. Der ,,Unort" wird damit zum individuellen Ort im Kopf und unterscheidet sich durch die Fantasie des Publikums von der realen Welt. Aufgrund der Größe des Objekts muss man sich als Betrachter der Utopie körperlich nähern, um seine Beschaffenheit zu erfassen. Mit dem Erkennen des Titels kommt das Begreifen der Möglichkeit, der realen Welt allein kraft der Fantasie temporär zu entfliehen. Das scheinbar zu große Podest wird zum Träger eigener Gedanken. Utopia changiert zwischen poetischer Eutopie und destruktiver Distopie und ist ein Sinnbild der menschlichen Möglichkeit, sich in Gedanken stets zwischen Fluch und Segen zu bewegen.

NADIA ISMAIL


BROKEN LINES
The exhibition represents artistic positions that thematize borderline situations in different ways.

The Polaroid works of the American artist Mike Brodie aka The Polaroid Kidd (born in 1985), who at the age of 18 traveled across America photographing homeless, Punks and people with alternative concepts of life, seem to celebrate the excess and eccentricities of the moment that is based on the promises of a life faraway normative rules and regulations and filled with boundless freedom. Yet the dire melancholy of these photographs, the predominantly serious faces of the protagonists don't really reflect the enticements of complete autonomy, however - like memento mori - they are reminiscent of the fragility of a lived dream. Brodie's perfectly chosen medium, the Polaroid, can be seen as the formal equivalent of the psychic and physical experience of this modern nomad existence: From the moment the trigger is released the reality of the moment is crystallized piece by piece on the empty photographic paper which, as soon as it is captured, already belongs to the past. Like an utopia that exists through its fixation and dies exactly at the point it is realised.

As part of a society with an alternative concept of life, Nan Goldin (born in 1953) like the authors of the Beat Generation reels through a world that is positioned between sex, drugs, and Rock n' Roll, a world in which the human desire for an autonomous life and the latent wish to surmount the limitation of what is considered normal lets the threshold into another world appear temporarily transparent. At the same time, she portrays in realistically bleak photographs lays of life in all facets of existence, and with the artist we look into a clandestine world that discloses human defects without taboo. Instead of the distancing eye of the documentary photographer the artist portrays in her photographs her most intimate surroundings during jaunty moments and instants of deep vulnerability that in each instant reveal the fragility of a human life. The American photographer overturns the dualism between external freedom and the prison of one's own thoughts, of acted-out desires and secret obsessions as well as addiction and hope, and eventually existence and death, combining these abysses in her motifs.

Lucinda Devlin (born in 1947) explores the impact of spaces whose usage, positioning, geographical location and furnishing are inseparably connected with a message that suggests a specific meaning. The glossy surface of her meticulously staged Omega Suites hauntingly visualizes the auratic power of specific places. A mere object such as the bier on which the doomed 'death candidates' will transgress the threshold between life and death, emblematizes through the complete emptiness of the space the unequal battle between the American moral-political machinery and the fate of the individual who is at its mercy. Devlin's static perspective, her centralized focus and functional arrangement glosses the emotionally charged spaces over with a sterile aura. Through the photographer's eye, these chambers of terror transform into cool, sophisticated high-gloss prints straight out of the image world of trend-setting magazines that we admire for their aloof aesthetics and through which we leaf indifferently. The sophistic combination of the term Omega (the last letter of the Greek alphabet) that determines the title and suite reflects the ambivalence of what is portrayed, re-subjectifying the perception of seemingly anonymous killing. The moral tension generated by the photographs finds its literary correspondence in Kafka's novel In the Penal Colony, which describes the obsession of one officer who places himself above other humans and distinguishes himself by perfecting a killing machine that implies clean mechanical killing of humans.

Point of departure in the works of the Chinese-American Michael Zheng (born in 1965) is the performative act, which the artist himself describes as the "center of all my work" and is synonymous with permanent psychic action. Yet his work is predominantly conceptual and finds its artistic expression often in site-specific installations and interventions. Sculptural works and videos add to the repertoire and Zheng's main concern, the awareness and sensibility of perceiving reality, which is influenced by phenomenology, cultural and political impacts. In his video Groundbreaking he combines the theme of this emotional borderline with the formal aspects of border crossing.
In Groundbreaking, the documentation of a controlled burial in vivo, the audience experiences with its own eyes and feelings the latent and life-opposing threat of death. Behind the realization of the fear of death, however, looms the uncertainty of the control over life as a fragile construct of outer and inner, physical and psychic borderlines.
The work Utopia reveals the formal transformation of the performative act of book abrasion towards an independent sculpture. All that remains of Thomas Morus' well-known book is the title of the future vision. In the head, the "nondescript place" becomes the individual place and distinguishes itself from the real world through the fantasy of the audience. Because of the size of the object, the viewer has to approach the utopia physically in order to grasp its consistency. Recognizing the title leads to the understanding of the possibility to be able to escape the real world temporarily by imagination alone. The apparently oversized pedestal becomes the carrier of one's own thoughts. Utopia oscillates between poetic 'eutopia' and destructive dystopia and constitutes an allegory of the human possibility, to theoretically always move back and forth between curse and blessing.

Nadia Ismail
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